SELBSTGESPRÄCHE


Besetzung

Sascha Wegemann..........................Maximilian Brückner
Richard Harms............................August Zirner
Marie Bremer.............................Antje Widdra
Adrian Becher............................Johannes Allmayer
Astrid...................................Mina Tander
Gisela Harms.............................Kirsten Block
Alfred Becher............................Heinz-Werner Kraehkamp
Gabriele Deutschmann.....................Melanie Vollmer
Daggi....................................Dagmar Sachse
Micha Kowalski...........................Robert Meller
Der Ex von Marie Bremer..................Daniel Drewes
Noah (der Sohn von Marie Bremer).........Kilian Schüler
Pedro (der Tanzlehrer)...................Rainer Furch
Hans Peter Riedmann......................Georg Uecker
sowie Chris Norman und
Günter Wallraff in einer Gastrolle


Stab

Buch und Regie...........................André Erkau
Produzent................................Hans W. Geißendörfer
Producer.................................Roswitha Ester & Torsten Reglin
Redaktion ZDF............................Christian Cloos
Herstellungsleitung......................Andreas Habermaier
Produktionsleitung ......................Heinz Nickel
Kamera...................................Dirk Morgenstern
Szenenbild...............................Ralph Mootz
Kostüm...................................Lore Tesch
Schnitt..................................Oliver Grothoff
Maske....................................Heide Haß, Susan Schmidt
Casting..................................Horst D. Scheel, bvc
Ton......................................Andreas Wölki
Sounddesign und Mischung.................40° Filmproduktion
Musik....................................Dürbeck & Dohmen


Regie: André Erkau

André Erkau wurde 1968 in Dortmund geboren. Zusammen mit einigen Weggefährten war er Mitbegründer des Jungen Theaters in Bremen. Nach einer Schauspielausbildung in Hamburg studierte er an der Kölner Kunsthochschule für Medien Filmregie (2001-2005) und schloss mit Auszeichnung ab.

Sein Diplomfilm "37 ohne Zwiebeln" erhielt 2006 auf dem Max-Ophüls-Festival den Kurzfilm-Preis und den Preis der Interfilm-Jury, im selben Jahr folgte der Studio Hamburg Nachwuchspreis für das beste Drehbuch und der Pro7-Preis für Beste Regie Deutscher Film.

"In SELBSTGESPRÄCHE war es mir wichtig, einen liebevollen Blick auf menschliche Beziehungen zu werfen, sehr dicht an den Figuren zu bleiben und gleichzeitig humorvoll die Tragik im Alltäglichen zu beleuchten."









Maximilian Brückner

Der 1979 im bayrischen Riedering geborene Maximilian Brückner ließ sich an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München nicht nur ausbilden sondern auch gleich entdecken. Er war einer der Studenten, die 2001 von Christian Stückl, dem Intendanten des Münchner Volkstheaters, für die “Sommerakademie für bairisches Volksschauspiel” ausgewählt wurden. Seitdem gelten Brückner und Stückl in Theaterkreisen als unschlagbares Team. Das zeigte sich 2004 nicht nur in Stückls „Jedermann“-Inszenierung für die Salzburger Festspiele, in der Brückner den Mammon gab, sondern zuletzt auch in der von Publikum und Presse gefeierten Inszenierung von „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“ sowie dem aktuellen Stück „Peer Gynt“ an der Münchner Volksbühne. Nicht weniger bejubelt wurde sein Einstand auf der Leinwand in Sherry Hormanns schwuler Fußball-Komödie „Männer wie wir“. Es folgten Rollen in Marc Rothemunds für den Auslands-Oscar nominiertem Widerstandsdrama „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und in Marcus H. Rosenmüllers sensationellem Spielfilmdebüt, der schwarz humorigen Komödie „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Für Aufsehen auf den Filmfestspielen in Berlin sorgte er 2007 als European Shooting Star und 2008 mit einer Rolle in Doris Dörries Wettbewerbs-Beitrag „ Kirschblüten - Hanami“. Im Fernsehen ermittelt Maximilian Brückner seit Oktober 2006 als „Tatort“-Kommissar in
Saarbrücken und trat damit die Nachfolge seines Kollegen Jochen Senf an. Im Sommer 2007 spielte er nach „Selbstgespräche“ in Marcus H. Rosenmüllers Verfilmung des „Räuber Kneißl“ die Titelrolle.

Film (Auswahl)..........................Regie
2007 SELBSTGESRPÄCHE....................André Erkau
.....Kirschblüten - Hanami..............Doris Dörrie
2005 Schwere Jungs......................Marcus H. Rosenmüller
.....Rabenbrüder........................Bernd Lange
.....Wer früher stirbt, ist länger tot..Marcus H. Rosenmüller
2004 Sophie Scholl - Die letzten Tage...Marc Rothemund
.....Allein.............................Thomas Durchschlag
2003 Männer wie wir.....................Sherry Hormann

Fernsehen (Auswahl).....................Regie
2008 Tatort – Das schwarze Grab.........Gregor Schnitzler
2006 Tatort - Aus der Traum.............Rolf Schübel
.....Mein Freund Fritz..................Dieter Wedel
2005 Mozart in München..................Bernd Fischerauer
.....Tatort - Tod auf der Walz..........Martin Enlen
2004 Papa und Mama (Zweiteiler).........Dieter Wedel

Theater (Auswahl)...............................Regie
05-07 Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben...Christian Stückl
2004 Jedermann..................................Christian Stückl
.....Der Räuber Kneißl..........................Christian Stückl
2003 Die Räuber.................................Christian Stückl
2002 Geierwally.................................Christian Stückl


August Zirner

Auf über 90 Rollen in Film und Fernsehen kann der 1956 im amerikanischen Urbana, Illinois geborene August Zirner zurückblicken. Anfang der 70er Jahre kehrte der Sohn jüdischer Emigranten in die Heimat seiner Eltern zurück, um am berühmten Max-Reinhardt-Seminar in Wien Schauspiel zu studieren. Es folgten feste Engagements an den Bühnen von Hannover, Wiesbaden und München, die Zirner in den 80er Jahren auch Gelegenheit für erste Rollen vor der Kamera ließen, so etwa in Gabriela Zerhaus Komödie „Tapetenwechsel“ und Doris Dörries „Geld“.

Seit den 90er Jahren ist August Zirner mit seiner darstellerischen Vielseitigkeit aus großen Kino- und Fernseh-Produktionen nicht mehr wegzudenken, sei es in Beziehungskomödien wie „Stadtgespräch“, Jugendfilme wie „Pünktchen und Anton“ und „Das Sams“, internationale Produktionen wie István Szabós „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ oder Constantin Costa- Gavras Literaturverfilmung „Der Stellvertreter“. Sein schauspielerisches Können trug auch dazu bei, dass im Jahr 2007 Züli Aldags TV-Drama über Jugendgewalt, „Wut“ mit dem Adolf-Grimme-Preis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde und 2008 Stefan Ruzowitzkys KZ-Tragödie „Die Fälscher“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann.

Film (Auswahl).............................Regie
2007 SELBSTGESPRÄCHE.......................André Erkau
2006 Herr Bello............................Ben Verbong
.....Die Fälscher..........................Stefan Ruzowitzky
2004 Ein Haus in Irland....................Gillies MacKinnon
2003 Sergeant Pepper.......................Sandra Nettelbeck
2002 A sound of thunder....................Peter Hyams
2001 Gebürtig..............................Robert Schindel & Lukas Stepanik
.....Amen - Der Stellvertreter.............Constantin Costa-Gavras
2000 Taking Sides – Der Fall Furtwängler...István Szabó
.....Das Sams..............................Ben Verbong
.....Bella Martha..........................Sandra Nettelbeck
1998 Pünktchen und Anton...................Caroline Link
1997 Die Apothekerin.......................Rainer Kaufmann
1996 Hannah................................Reinhard Schwabenitzky
1995 Stadtgespräch.........................Rainer Kaufmann
1993 Das Versprechen.......................Margarethe von Trotta
1990 Café Europa...........................F.X. Bogner
.....Homo Faber............................Volker Schlöndorff
1989 Geld..................................Doris Dörrie

Fernsehen (Auswahl)........................Regie
2007 Ein starker Abgang....................Rainer Kaufmann
2006 Mutig in die neuen Zeiten.............Harald Sicheritz
.....Freundinnen...........................Maris Pfeiffer
2006 Eine einzige Tablette.................Adolf Winkelmann
2005 Wut...................................Züli Aladag
.....Im Reich der Reblaus..................Harald Sicheritz
.....Helen, Fred und Ted...................Sherry Hormann
2004 Leo...................................Vivian Naefe
.....Die Mandantin.........................Marcus O. Rosenmüller
.....Liebe nach dem Tod....................Matti Geschonnek
.....Speer und Er..........................Heinrich Breloer
2003 Käthchens Traum.......................Jürgen Flimm
.....Kirschenkönigin.......................Rainer Kaufmann
.....Stärker als der Tod...................Nikolaus Leytner
2002 Und tschüß, Ihr Lieben................Connie Walther
.....Trenck - Zwei Herzen gegen die Krone..Gernot Roll
2001 Joe & Max.............................Steve James
.....Hanna, wo bist du?....................Ben Verbong
2000 Alptraum einer Ehe....................Johannes Fabrick
1999 Jahrestage (Mehrteiler)...............Margarethe von Trotta

Theater (Auswahl)..........................Regie
2007 Der einsame Weg.......................Armin Holz
2005 Don Carlos............................Wilfried Minks
04-06 Die Ziege............................Christian Stückl
02/03 einordnen/ausflug....................Matthias Hartmann
01/02 Auf dem Land.........................Luc Bondy
1998 Die Ähnlichen.........................Peter Stein
1996 Der Fall Furtwängler..................Helmut Griem
1990 Der Schwierige........................Jürgen Flimm


Antje Widdra

In Bad Saarow, idyllisch zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder gelegen, erblickte Antje Widdra 1974 das Licht der Welt. Ihre schauspielerische Ausbildung stellte sie nach dem Abitur an der Leipziger Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschule für Musik & Theater auf handwerklich grundsolide Beine. Auf feste Engagements am Nationaltheater in Weimar und am Staatstheater in Dresden folgten 2001 erste Rollen in Kurz- und Werbefilmen. Bei einem Camera Acting-Seminar wurde der TV-Regisseur Klaus Emmerich auf Antje Widdra aufmerksam und besetzte sie in einer tragenden Rolle in seiner Münchener „Tatort“-Folge „Wenn Frauen Austern essen“. In den folgenden Jahren wurden vor allem ihre Engagements in renommierten Fernsehserien, wie etwa „Der Lehrer“, sukzessive größer. 2007 stand Antje Widdra gleich für zwei Kinofilme vor der Kamera, neben André Erkaus SELBSTGESPRÄCHE auch in Iris Janssens „Die Dinge zwischen uns“, der bei der diesjährigen Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ gezeigt wurde.

Film (Auswahl)...................................Regie
2007 SELBSTGESPRÄCHE.............................André Erkau
.....Die Dinge zwischen uns......................Iris Janssen
2005 Kopfsache...................................Doron Wisotzky
.....Blind date Brasilien........................Amira A. Ben Ali
2004 Verrückt nach Markus Werner.................Peten Böschen
2003 Spielerfrauen...............................Martin Walz

Fernsehen (Auswahl)..............................Regie
2007 Der Lehrer - Staffel 1 durchgehende Serienrolle
2006 Exitus - Ärzte am Limit.....................Udo Witte
.....Das Inferno - Flammen über Berlin...........Rainer Matsutani
2005 Alles über Anna.............................Nicolai Rohde
2003 Farben der Liebe............................Zoltan Spirandelli
.....Single shots................................Oliver Schmitz
.....Tatort - Wenn Frauen Austern essen..........Klaus Emmerich
2001 Soko Leipzig – Zehnkampf....................Christoph Eichhorn

Theater (Auswahl)................................Regie
2006 Westflug - Die Geschichte einer Entführung..Tobias Rausch
2005 Das weite Land..............................Daniel Karasek
.....Opera mortale...............................Anna Zimmer
2002 Maria Stuart................................Peter Lüdi
.....Was ihr wollt...............................Thomas Matschoß
2001 Bondage - Agent entfesselt..................Friederike Heller
97-01 Engagement Staatsschauspiel Dresden
95-97 Engagement Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar


Johannes Allmayer

Geboren 1978 im Baden-Württembergischen Filderstadt, zog es Johannes Allmayer nach München, um dort an der 1993 von August Everding gegründeten Bayerischen Theaterakademie vorzusprechen. Nach bestandener Abschlussprüfung und einzelnen Engagements an den Bühnen der bayerischen Hauptstadt folgte 2003 ein fester Vertrag am Schauspielhaus in Düsseldorf.
Parallel dazu setzte Johannes Allmayer zum Sprung vor die Kamera an und spielte in erfolgreichen Fernsehserien u.a. “Tatort - Der doppelte Lott”, “Wilsberg - Misswahl” sowie eine Hauptrolle in Marek Beles für die Leinwand konzipiertem Krebs-Drama Stages. Der schüchterne Callcenter-Angestellte Adrian Becher in SELBSTGESPRÄCHE ist Johannes Allmayers zweite Kinorolle. Derzeit steht er für Matti Geschonnecks “Entführt” vor der Kamera.

Film (Auswahl)...................Regie
2007 SELBSTGESPRÄCHE.............André Erkau
2004 Stages......................Marek Beles

Fernsehen (Auswahl)..................Regie
2006 Mein Mörder kommt zurück........Andreas Senn
.....Post mortem.....................Elmar Fischer
2005 SK Kölsch - Jeder gegen jeden...Olaf Götz
.....Tatort - Der doppelte Lott......Manfred Stelzer
2004 Die Diebin und der General......Miguel Alexandre
.....Die Sturmflut...................Jorgo Papavassilliou

Theater (Auswahl)....................Regie
07/08 Frühlings Erwachen.............Simon Solberg
06/07 Natürliche Auslese.............Antoine Uitdehaag
03/06 Engagement Schauspielhaus Düsseldorf (u.a. „Ein Sommernachtstraum”,
„Woyzeck”, „Peer Gynt”, „Sommergäste”, „Flimmern”)
2003 Reineke Fuchs...................Jochen Schölch
02/03 Kaufmann von Venedig............Dieter Dorn
......Titus Andronicus...............Elmar Goerden


Günter Wallraff zu „Selbstgespräche“, Berlin, 21.6.2008

Herr Wallraff, Sie spielen in André Erkaus „Selbstgespräche“ eine kleine, gut getarnte Rolle. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Tatsache, dass sich ein Spielfilm mit dem Alltag in der Arbeitswelt befasst, hat mir sehr gut gefallen. Ich selbst recherchiere gerade für eine Artikel-Serie in „Die Zeit“ in Firmen auf dem Niedriglohn- und Prämien-Sektor. Jobs an Fließbändern, in Call-Centern und auch Versicherungen. Ich muss sagen, die Bandagen in der deutschen Arbeitswelt sind härter geworden, nicht zuletzt unter dem Vorwand der Globalisierung. Die Methoden der Firmen sind betrügerischer als jemals zuvor. Kettenbrief- und Schneeball-Systeme werden zum Kundenfang eingesetzt und das alles mit Lug und Trug. Die Unmenschlichkeit in Aldous Huxleys berühmte Utopie „Schöne neue Welt“ ist unsere Realität geworden. Deswegen steht meine Artikel-Serie auch unter dem Titel: „Schöne neue Arbeitswelt“.

Wie realistisch ist die Arbeit im Call-Center in „Selbstgespräche“ dargestellt?

Die Milieu-Schilderung ist sehr gut. Die Enge, den Druck, der auf den Mitarbeitern in einem Call-Center lastet, hat Autor und Regisseur Erkau sehr gut auf den Punkt gebracht. Vor allem der Zwiespalt im Anrufer selbst, zwischen eigener finanzieller Notlage und dem Wissen, dass er Menschen am Telefon betrügt. Das lastet schwer auf den meisten Menschen, die in einem Call-Center arbeiten. Anders als in „Selbstgespräche“ aber, ist es in der Realität für die Leute nicht so leicht, aus diesem inneren Konflikt wieder heraus zu kommen. Viele haben die Selbstachtung vor sich verloren. Die meisten bräuchten nach so einem Job eine Therapie.

Auf was für Menschen sind Sie bei Ihrer Recherche im Call-Center getroffen?

Ganz unterschiedliche aus allen Berufsständen. Natürlich viele jüngere Menschen, die schon länger arbeitslos sind. Aber auch mittelalte, die man heute dem sogenannten Prekariat zurechnen würde. Es sind jedoch alles Menschen, die missbraucht werden und deren Notlage ausgenutzt wird.

Sind sich diese Menschen bewußt, dass sie ausgenutzt werden, wenn sie so einen Job annehmen?

Viele am Anfang nicht. Aber Menschen sind soziale Wesen und wir passen uns erschreckend schnell einem Gruppenkonsens an, wenn wir darauf angewiesen sind. Aber auf die Dauer geht das nicht gut. Gerade heute hat mir ein Arzt eine Statistik geschickt, die zeigt, dass die Krankheitsquote bei Beschäftigten in einem Call-Center erschreckend hoch ist. Sogar noch ein Drittel höher, als bei Beschäftigten in anderen Niedriglohn-Arbeitsbereichen. Burn-Out-Syndrome und Nervenzusammenbrüche sind in Call-Centern an der Tagesordnung. Fast jeder dritte Call-Center-Mitarbeiter wird wegen „psychischen Störungen“ ambulant oder stationär behandelt.

Woran liegt das?

Die meisten können es selbst nicht beantworten. Sie leiden darunter, wie sie systematisch zu Betrügern ausgebildet werden. Wie sie, im wahrsten Sinne des Wortes, Menschen übers Ohr hauen müssen, eben um damit ihr Mindestauskommen zu gewährleisten. Was wiederum für unsere Gesellschaft spricht, ist die Tatsache, dass die meisten Arbeiter in einem Call-Center eben nicht damit zurecht kommen; es nicht mit sich vereinbaren können und darunter leiden. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Verrohung der Gesellschaft doch nicht nicht so weit fortgeschritten ist. 90 % hält es nicht länger als ein halbes Jahr aus, viele werfen schon nach ein paar Wochen das Handtuch. Deswegen ist dort auch so eine große Fluktuation. Es werden ja schließlich immer „Teilzeit-Angestellte mit angenehmer Telefonstimme“ gesucht, wenn man sich mal die Job-Anzeigen anschaut.

Nun werden ja auch inzwischen viele deutschsprachige Call-Center und Hotlines ins Ausland verlegt. Liegt es daran, dass hierzulande immer weniger Mitarbeiter gefunden werden?

Das liegt eher daran, dass im Ausland noch billigere Löhne gezahlt werden. Quelle-Neckermann etwa hat seine hiesige Telefon-Abteilung gänzlich geschlossen und ihre Hotline in ein Call-Center nach Istanbul verlagert. Dort sitzten nun Deutsch-Türken an den Telefonen, die behaupten müssen, sie säßen in Fürth. Das ist aber nur die erste Lüge, denn gleichzeitig sind sie ja gar keine Mitarbeiter von Quelle-Neckermann, sondern Angestellte in einem Call-Center mit mehreren Auftraggebern. Das kann zufolge haben, dass einer alten Frau, die dort anruft, um einen Katalog zu bestellen, in einem Gespräch auch gleich ein Los der Süddeutschen Klassenlotterie aufgeschwatzt wird. Die SKL gehört überhaupt zu den aggressivsten Auftraggebern. Was der Günther Jauch da als Werbeträger mitverantwortet, gehört zum Betrügerischsten auf dem Sektor des Verkaufs via Telefon. 80% - 90% der Lose werden per Telefon-Drücker-Methoden den Leuten angedreht.

Wie illegal sind solche Methoden? Kann man dagegen juristisch vorgehen?

Man kann, ja. Das meiste, was da am Telefon passiert, ist in der Tat illegal. Es gibt ein eindeutiges Gesetz, das besagt, dass Menschen nur dann von einem Anbieter angerufen werden dürfen, wenn sie ausdrücklich nach einem bestimmten Produkt gefragt haben. Das ist bei diesem Daten- und Telefonnummerhandel in den seltensten Fällen so. Selbst wenn man sich mal mit seiner Adresse und Nummer bei einem Gewinnspiel beteiligt hat, berechtigt das diese Firma nicht, den Teilnehmer aus einem anderen Grund anzurufen. Zudem darf kein Anbieter mit unterdrückter Telefonnummer anrufen. Allerdings passiert auch das in den meisten Fällen, denn so ist der Anruf nicht nachzuverfolgen. Genau deswegen ist es dann aber auch schwierig, diese Firmen, bzw Call-Center juristisch zu packen. Die Beschwerden bei den Verbraucherzentralen betreffen zu 60-70% eben solche betrügerischen Telefonanrufe.

Wenn Sie von Daten- und Telefonnummerhandel sprechen, was genau meinen Sie damit?

Etwa den Verkauf riesiger Datenbanken an Adress- und Telefonummerlisten an Call-Center. Als seriös eingestufte Telefon- und Online-Betreiber geben zum Beispiel ihre Adress-Listen an Call-Center weiter, damit dort illegale Verkaufgespräche geführt werden können. Kaum jemand der Angerufenen weiß, dass das illegal ist. Hinter diesem ganz offensichtlichen Datenmissbrauch steckt ein immenses Geschäft und eine starke Lobby. So stark, dass sogar die Mühlen des Justizministeriums blockieren, wenn es darum geht, das zu ahnden.
Versandhäuser verkaufen ihre Kundenlisten an Call-Center, ebenso wie Netzanbieter und Banken. Zu dem gläsernen Menschen, vor dem wird uns immer gefürchtet haben, sind wir längst geworden. Science Fiction Huxleys „Schöne neue Welt“, ist zu unserer Gegenwart geworden.